INTERVIEW für Zenit mit Dominik Hartig, 2009

Bekannt wurde Marisa durch Titelrollen in den Disney-Musicals „Pocahontas“ oder „König der Löwen“. Mit der CD „O aeterne Deus“ („O ewiger Gott“) möchte die Sopranistin ihre Hörer mit Liedern der heiligen Hildegard von Bingen „für eine halbe Stunde in eine andere Welt“ einladen. Das Singen und Hören dieser eigenartig reizvollen Klänge ist für sie Meditation und Gebet.

„Diese schöne Aufnahme“, schreibt Sr. Lydia Stritzl OSB von der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim-Eibingen, „lässt die Zuhörer ein bisschen von dem spüren, was Hildegard von Bingen auch in unserer Zeit noch zu sagen hat: Ohne Gott können wir letztlich nicht glücklich werden.“

„Die Kompositionen der heiligen Hildegard stehen in der Tradition des durch den Welterfolg der Mönche von Heiligenkreuz wieder entdeckten Gregorianischen Chorals“. „Dessen Formen sprengte die große Mystikerin, um die ihr in Visionen von Gott geschenkte kosmische Musik äußerlich hör- und singbar zu machen. Geistliche Lieder sind aus Hildegards Sicht von heiligen Propheten erfunden, um in den Menschen eine Erinnerung an das verlorene Paradies wachzuhalten.“

Besonders fühlt sich Marisa „dem Mensch als Menschen verpflichtet“. Als Künstlerin will sie „Schönes schaffen, etwas, was die Menschen nährt, sie wieder in Verbindung mit sich selbst bringt“. Eine Kostprobe ihrer neuen CD gab sie bereits Ende Januar bei einem Pontifikal-Gottesdienst im Kölner Dom zum Besten.

ZENIT: Was hat Sie dazu angeregt, nach Musicals und doch eher flotteren Tönen jetzt plötzlich auf Latein zu singen?

MARISA: Ganz so plötzlich ist das gar nicht. Die Initialzündung war sicherlich das „Veni Creator Spiritus“, das ich vor vielen Jahren auf der „Künstler für Christus“- CD von Inge Brück sang. Ich beschäftige mich seit ca. zwei Jahren intensiv mit den Liedern Hildegard von Bingens; die Idee, mich ihrer Musik anzunähern, ist sogar fast zehn Jahre her, als ich anfing, mich näher mit ihr zu beschäftigen. Mich interessieren einfach geistige, spirituelle Lieder mehr. Es ist mir ein Bedürfnis, sie zu singen. Was mich aber nicht davon abhält, Songs aus der so genannten U-Musik umzuinterpretieren: Barbara Streisands Song „Papa“ aus „Yentl“ ist definitiv ein spirituelles Lied. Pocahontas` Lied „Wo führt mein Weg mich hin“ ist für mich eine Einladung, sich auf die innere Stimme zu konzentrieren in einer lauten, zerrenden Welt. Und Lillis „Ich fühl wie du“ ist simpel und einfach ein Liebeslied? Oder vielleicht auch die Erinnerung daran, dass alle Menschen ähnliche Wünsche und Ängste, Sorgen und Bedürfnisse haben. Und dass wir daher behutsam miteinander umgehen sollten… Es ist der Blickwinkel, der entscheidend für die Interpretation ist, was moderne Texte angeht. Latein hat, wie alle sehr alten Sprachen, seine ureigene Schwingung. Und allein dadurch wird tief in uns schon etwas angeregt. Es hallt in uns etwas wider, auch wenn man kein Latein in der Schule hatte. Man könnte Hildegard von Bingens Lieder nicht einfach auf Deutsch singen. Man kann, um dem Verstand einen Zugang zu erleichtern, die Texte mitlesen, deswegen wurden sie im Booklet auch mit abgedruckt. Dann aber sollte man sich meines Erachtens wieder ganz dem lateinischen Text und der Musik überlassen.

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ZENIT: Wie haben Sie Hildegard von Bingen kennen gelernt, was sagt sie Ihnen?

MARISA: Wer mir das erste Mal in meinem Leben von Hildegard von Bingen erzählt hat, ist mir nicht mehr wirklich in meinem Gedächtnis. Bewusst kam ich das erste Mal mit der heiligen Hildegard Ende 1999 in Berührung, einfach weil mein Zug kurz in Bingen hielt und ich mich sofort an Hildegard von Bingen erinnerte. Damals im Zug brannte ich sofort darauf, ihre Wirkungsstätten zu besuchen. Wer war sie? Wieso wird sie heute noch verehrt? Wie kam sie als Äbtissin dazu, gegen den Willen ihrer Oberen ein eigenes Kloster für ihre Nonnen zu bauen und dort einzuziehen? Sich nicht erschrecken zu lassen, sondern zu behaupten, um gleichzeitig diese Sanftmut und Liebe in ihren Texten und Liedern zu leben – errungene Ergebenheit! Sie war durchdrungen von etwas Höherem, und sie hat – nach großen inneren Kämpfen – dem vertraut. Ich denke, dass das ihr diese unglaubliche Kraft verliehen hat, die ich mit ihr verbinde, und den Mut vorwärts zu gehen, Grenzen zu erweitern.Wir haben eine so verrückte Welt, in der wir leben, dass das sich Besinnen auf andere Werte schon überlebensnotwendig geworden ist. Auch sich zu verbinden mit der Stille im Inneren, die einem dann doch so viel zu sagen hat, ist für mich ein Bestandteil meines Lebens, den ich nicht mehr missen möchte.

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ZENIT: Was ist diese „andere Welt“, in die Sie uns mit Ihrer Musik entführen wollen?

MARISA: Es ist nicht meine Musik, es ist die Musik Hildegard von Bingens, und ich darf sie singen. In mir löst diese Musik Frieden und Freude aus, fernab von der Hektik in dieser Welt. Es ist wie Meditation, ein Gebet. Eine halbe Stunde in diese Meditation eintauchen, ist das keine andere Welt?

ZENIT: Wollten Sie mit Ihrer neuen CD ganz bewusst ein persönliches Glaubenszeugnis geben, oder hat sich das aus dem Material, das sie vertonen wollten, zufällig ergeben?

MARISA: Der große Tänzer Nijinsky hat einmal gesagt: „Wenn ihr mich tanzen seht, werdet ihr verstehen wer ich bin.“ Ein Glaubenszeugnis muss man meiner Meinung nach nicht hinausposaunen oder planen. Jeder ist ein Zeugnis, in dem, was er lebt. Und das ist lebendig und wahrnehmbar im Äußeren. Mal lauter, mal leiser.

ZENIT: Haben Sie als Musikerin eine Herzensanliegen?

MARISA: Mir geht es um eine Zusammenführung der Menschen in Respekt und Liebe. Musik zum Beispiel ist dafür etwas Großartiges, es ist eine direkte Sprache zwischen den Menschen, die keine Barriere kennt. Sie wird empfunden, nicht nur vom Zuhörer, sondern auch vom Sänger, und damit sind wir bereits im Dialog.

Ein Künstler sollte etwas Schönes schaffen, etwas, was die Menschen nährt, sie wieder in Verbindung mit sich selbst bringt. Sei es nun in Form eines Gedankens, eines Spieles, eines Bildes oder eines Liedes. Wenn ich in meinem Wesen berührt werde, dann verändert es mich. Wenn ich einen Menschen mit etwas Schönem in der Seele berühren kann, dann habe ich schon viel erreicht.



Das Interview führte Dominik Hartig